DAS BLAUE SCHAF
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Ein Projekt, das Brücken baut.

Auf Bildern wirkt er viel größer – doch bei Kristian Dautermann sollte man Größe nicht in Zentimetern messen. Aufgewachsen ist Kristian im elterlichen Winzerbetrieb, in einem stabilen Umfeld, in dem Gemeinschaft und Akzeptanz schon immer gelebt wurden.

Auch Unternehmer Axel Gesser ist zwischen Holzfässern aufgewachsen – allerdings in Frankreich. Heute führt er mit Leidenschaft sein, im Jahr 1998 gegründetes, Weinhandelsunternehmen Avec Plaisir, wobei er sich als Weinberater, insbesondere für die Betriebsgastronomie, einen hervorragenden Namen erarbeitet hat.

Im Jahr 2021 wurde das Projekt „Das Blaue Schaf“ ins Leben gerufen. Dabei verbindet die beiden Projektgründer – Axel Gesser und Kristian Dautermann – weit mehr als nur die Leidenschaft für guten Wein. Ihre Projektidee entstand, als sie sich vor einigen Jahren kennenlernten. Die Inspiration für Projektlogo und Maskottchen lieferte der Künstler Rainer Bonk – Der Blauschäfer. Er stellte dem Partnerpaar eines seiner Werke zur Verfügung – ein blaues Schaf, das seit seiner „Geburt“ für Toleranz und ein friedliches Miteinander steht.

Im Gegensatz zu Kristian hatte Axel bisher wenig Berührungspunkte mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Kristian hingegen wuchs neben seinem älteren Bruder Klaus auf, der mit einer Genveränderung – dem Down-Syndrom – geboren wurde. Beide Söhne wurden von ihren Eltern gleichermaßen behandelt und gefördert. Dank dieses Ansatzes führt Klaus heute ein nahezu normales Leben.
INKLUSION
Die Gesellschaft für Teilhabe und Integration in.betrieb hat Standorte in Mainz, Ingelheim und Nieder-Olm. Die Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ermutigen, sich auch in anderen Betrieben einzubringen. Das vermittelte Zutrauen und die Anerkennung stärken diese Menschen ungemein; mit jedem eigenen Schritt wachsen Selbstvertrauen und eigenverantwortliches Handeln.

Um eine solche Inklusion zu ermöglichen, müssen Betriebe jedoch zunächst bereit sein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Menschen mit Beeinträchtigungen eine Chance zu geben. Genau hier setzen Axel und Kristian mit ihrem Ziel an: Sie möchten Menschen mit Beeinträchtigungen darauf vorbereiten, langfristig, in einem Weingut zum Beispiel, mitzuarbeiten. Dabei stellten sie sich die Frage: Was passiert, wenn das Büro verlassen wird und Zusammenarbeit neu – draußen – erlebt wird?
Die Antwort ist einfach und hat sich im Rahmen ihrer Bemühungen für mehr Inklusion mehrfach bestätigt: Teambildung wird greifbar und es entsteht ein Erlebnis echter Zusammenarbeit, das alle verbindet.

In einem Pressestatement anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages am 21. März 2024 rief die Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen e. V. dazu auf, Vorurteile abzubauen, die Fähigkeiten von Menschen mit Down-Syndrom zu fördern und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Dazu gehört auch der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. Nur gemeinsam kann eine inklusive Gesellschaft gestaltet werden, in der jeder Mensch wertgeschätzt wird.

In vielen Bereichen herrscht Arbeitskräftemangel – und es spricht nichts dagegen, auch Menschen mit Beeinträchtigungen stärker zu integrieren. Aus diesem Grund trat am 01.01.2024 das neue Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts in Kraft, mit dem Ziel, mehr Menschen mit Beeinträchtigungen in reguläre Beschäftigung zu bringen. Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind Heute verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen (§ 154 SGB IX). Für jeden unbesetzten Pflichtarbeitsplatz ist eine Ausgleichsabgabe zu zahlen.
Um den Einstieg zu erleichtern, stehen sowohl schwerbehinderten Menschen als auch Arbeitgebern, die ihren Verpflichtungen nachkommen, verschiedene Leistungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung – darunter Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung und zu Ausbildungskosten, zur Eingliederung sowie zur Gestaltung des Arbeitsplatzes.

Auf das Blaue Schaf Projekt wurde ich selbst aufmerksam, als das Weingut K. & K. Dautermann mit dem „Great Wine Capitals Best of Wine Tourism Award 2026“ in der Kategorie Nachhaltigkeit im Weintourismus ausgezeichnet wurde.
Wein erlebbar, ehrlich und nachhaltig zu gestalten – das ist Kristians Motto. Seine Weine entstehen mit Leidenschaft, Geduld und der nötigen Zeit. Dabei sollen alle Beteiligten ihren persönlichen Erfolg erleben können. Axel, ein Liebhaber handwerklich gefertigter Produkte, hat auch mit einem eigenem Weinberg Erfahrungen gesammelt. Für seinen Weinhandel ist er stets auf der Suche nach Weinen, die in Erinnerung bleiben. Auch für ihn stehen Freude und Respekt an erster Stelle – weshalb das Projekt Blaues Schaf Genuss und soziale Verantwortung auf ideale Weise vereint.

EIN WEINBERG ZEIGT VIELE GESICHTER
Ein Besuch bei Kristian Dautermann im Weingut führte mich in einen Weinberg mit vielen ganz besonders schrägen Gesichtern. Genau hier fanden – gemeinsam mit einer ebenso besonderen Mannschaft – die ersten Hands-on-Inklusionstage bei Dautermann statt: ein Ort der Begegnung zwischen Menschen und Natur, für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gleichermaßen.

Die Weinlage „Kirchenstück“ – eine Lage, für die Kristians Herz besonders schlägt – ist zugleich der Ursprung seiner Flagship-Weine. Die 2011 erworbenen, rund 90 Jahre alten Reben profitieren hier von einem überwiegend kalk- und mergelhaltigen Gesteinsboden. Die vielen kleinen Mikroparzellen mit hoher Wasserspeicherfähigkeit sorgen dafür, dass die Reben selbst in sehr trockenen Jahren keinen Stress bekommen.
Es ist nicht nur ein Ort, an dem man mit dem Boden arbeitet, sondern auch ein Raum zum Atmen und Innehalten. Umgeben von alten, knorrigen Reb-Gesichtern und wildem Rucola beobachtet Kristian hier gerne die Kraft der Natur, den Jahresrhythmus und seine heranreifenden Trauben, die er später zu Spitzenweinen verarbeitet. Im Hintergrund erklingt das Läuten der Kirchenglocken.

In diesem Jahr treiben die Reben früh aus, und bis auf eine Ertragsreduktion wird hier wenig eingegriffen. Die Gefahr durch Erdraupen und Rhombenspanner, die sich gerne über die austreibenden Reb Augen hermachen, ist so gut wie vorbei. Sollten die Bedingungen weiterhin so bleiben, kann er sich schon jetzt auf einen hervorragenden Jahrgang freuen.
BRUCKENBAUER
Schneiden und Biegen sind längst abgeschlossen – jedoch nicht allein durch die eigene Mannschaft. Seit einiger Zeit kooperiert das Projekt „Das Blaue Schaf“ mit einem nahegelegenen Großbetrieb. Dreimal im Jahr finden dort sogenannte Social Days statt, bei denen Kristians Team sowohl von Mitarbeitenden von in.betrieb als auch von Menschen mit Beeinträchtigungen aus dem Unternehmen in Ingelheim unterstützt wird.

Inzwischen kommen wöchentlich Mitarbeitende des Teams von in.betrieb ins Weingut Dautermann, und einer der Teilnehmenden - Sam - ist dort mittlerweile fest angestellt. Solche Tage mögen herausfordernd sein und erfordern Geduld sowie Fingerspitzengefühl – doch am Ende gehen alle bereichert nach Hause.
„Das Blaue Schaf macht Unternehmenswerte im Alltag erlebbar – nicht über Präsentationen, sondern über echte Erfahrungen, die Verhalten verändern. Wir zeigen, wie aus Haltung konkrete Wirkung wird – für Zusammenarbeit, Führung und eine Unternehmenskultur, die nicht nur gedacht, sondern gelebt wird.“ Kristian Dautermann
MESSAGE IN A BOTTLE
Da die Verbindung von Inklusion und Weinbau dieses Thema so besonders macht und zugleich eine neue, bereichernde Perspektive auf die Weinbranche eröffnet, entschieden sich Axel und Kristian, auch eine Blauschaf-Weinserie abzufüllen, die ich am Ende des Tages verkosten durfte.

Um die Zukunft des Projekts zu sichern, haben sie erst vor Kurzem zudem einen ganz neuen Weinberg mit Chardonnay-Reben bepflanzt. Dank Sam, ursprünglich aus dem Blauschaf-Inklusionsprojekt und Weinbergs-Profi Tobias, wächst nicht nur ein Weinberg – es entsteht eine Nachhaltigkeitsvision mit neuen Wegen und neuen Chancen.
Gewachsen auf dem Mainzer Berg, wo Kalkmergel für eine fein krümelige Bodenstruktur sorgt, ist diese charaktervolle Weißwein-Cuvée aus Pinot Blanc- und Chardonnay-Trauben von ihrem Terroir geprägt. Nach dem schonenden Ausbau in Edelstahltanks erhält der Wein durch den gezielten Einsatz des „Sur-lie“-Verfahrens sowie das regelmäßige Aufrühren der Hefen seine ausgeprägte Cremigkeit, Tiefe und Textur.
VERKOSTUNG: Leuchtend zitronengelb im Glas. In der Nase zeigen sich ausgeprägte Zitrus- und Steinobstnoten mit einem Hauch Exotik. Ein komplexer Wein mit vollem Körper, hervorragendem Mundgefühl und trockenem Abgang. Am Gaumen entfalten sich Limette, Grapefruit, Aprikose und Nektarine. Leicht würzig, mit einem samtigen, langanhaltenden Schmelz. Ein gehaltvoller und überzeugender Wein.
Jahrgang: 2024
Alkoholgehalt: 13 % Vol.

Ein Pinot Noir, der tief verwurzelt auf dem kalkgeprägten Mainzer Berg wächst. Hier liefern die 30 bis 45 Jahre alten Reben eine Ausdruckskraft, die Vielschichtigkeit und Eleganz vereint. Ein Wein, der seine Struktur und leichte Würze einer über 36-monatigen Reifezeit in großen und kleinen Holzfässern verdankt, ohne dabei an Frische und Fruchtigkeit einzubüßen.
VERKOSTUNG: Rubinrot im Glas. In der Nase dunkle Waldfrüchte mit einem Anklang von Waldboden und einem Hauch Würze. Am Gaumen elegant. Feine, gut eingebundene Tannine mit angenehmer Säure. Rote Beerenfrüchte, Wildkirsche und zurückhaltende Holznoten, die den Wein fein abstimmen. Ein frischer, gut ausbalancierter Wein.
Jahrgang: 2017
Alkoholgehalt: 13,5 % Vol.

Das Blaue Schaf Pinot Blanc Extra Brut (noch nicht im Handel)
Die Trauben aus dem Ingelheimer Schlossberg wurden selektiv und bei optimaler Reife gelesen. Die Vinifikation erfolgte bewusst zweigeteilt: Zur Hälfte im Tonneau ausgebaut, zur anderen Hälfte im Edelstahltank vergoren. Diese Kombination vereint Struktur und Feinheit, Wärme und Klarheit. Anschließend durfte der abgefüllte Wein ganze 60 Monate auf der Hefe reifen – eine außergewöhnlich lange Lagerzeit, die dem Sekt eine beeindruckende aromatische Komplexität verleiht.
VERKOSTUNG: Im Glas zeigt er sich in einem strahlenden, warmen Gelb. In der Nase öffnen sich Aromen von reifem Apfel, Birne und einem Hauch gelber Steinfrüchte. Aus dem langen Hefelager haben sich zudem zarte, nussige Nuancen entwickelt. Am Gaumen ist der Sekt präzise und elegant. Die Perlage ist fein, die Textur cremig. Insgesamt ein frischer, harmonischer Wein mit langem Nachhall.
Jahrgang 2019
Alkoholgehalt: 12,0 % Vol.

Das Blaue Schaf, ein Wein, der verbindet.
Deshalb lade ich Sie, auch im Namen von Kristian, Axel, Klaus und allen beeinträchtigten Menschen weltweit, herzlich dazu ein, auch in Ihrem Betrieb einen Platz für einen dieser besonderen Menschen zu schaffen: Als Chance auf eine Perspektive und als Teil dieser besonderen Gemeinschaft.
Als ich für diesen Bericht recherchierte, wurde ich nachdenklich. In gesellschaftlichen Debatten gehen wichtige Themen oft unter – auch die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen. Das vorgestellte Projekt und die Haltung seiner Gründer zeigen eindrucksvoll, wie viel Potenzial in inklusiven Ansätzen steckt. Menschen mit Beeinträchtigungen bringen vielfältige Perspektiven und Fähigkeiten mit, die unsere Gesellschaft bereichern. Von ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit Herausforderungen können alle lernen.
Möchten Sie das Projekt unterstützen, sind aber kein Unternehmer?
Kein Problem, denn ein Blaues Schaf ist in jedem Garten ein Hingucker und sorgt ganz sicher für Gesprächsstoff beim Genuss Ihres nächsten Blauschaf-Weins. Beide Stillweine sind in einer ansprechenden Geschenkverpackung inklusive Miniaturschaf und Informationen über das Projekt erhältlich. Schauen Sie einfach hier nach oder setzen Sie sich mit den Projektgründern in Verbindung.

Axel Gesser:
Kristian Dautermann: info@dautermannwein.de
PS: Haben Sie das zweite Gesicht auf der Flasche entdeckt? Alles, ist eine Frage der PERSPEKTIVE!




